Bereits im ersten Jahr der großangelegten Invasion der Ukraine durch Russland wurde deutlich, dass Deutschland sich bei seiner militärischen Hilfe für die Ukraine auf mehrere Schlüsselbereiche konzentrieren würde.
Dazu zählen die Artillerie, gepanzerte Gefechtsfahrzeuge und die logistische Unterstützung, aber vor allem auch der Bereich der Luftverteidigung, in dem Deutschland bislang mehr geleistet hat als in allen anderen Bereichen.
Die FlakPz Gepard sind früh zu einem der wichtigsten Systeme beim Kampf gegen russische Drohnen geworden, während die Bundesregierung mit wirklich umfangreichen Lieferungen von MIM-104 Patriot- und IRIS-T SLM-Feuereinheiten die ukrainische Raketenabwehr über Jahre maßgeblich ausgebaut und modernisiert hat.
Während die Lieferungen von bislang fünf MIM-104 Patriot-Feuereinheiten aus Beständen der Bundeswehr vordergründig wegen kontinuierlicher russischer Angriffe mit ballistischen Raketen notwendig waren, spielen die IRIS-T SLM-Feuereinheiten, welche für die Ukraine neu produziert werden, bei der Abwehr russischer Marschflugkörper eine entscheidende Rolle.
Mit einer Trefferquote von mehr als 90 % gibt es aktuell wohl kein effektiveres Flugabwehrraketensystem dieser Klasse in Beständen der ukrainischen Armee.
Umso interessanter ist es, dass sich die Ukraine zusammen mit dem deutschen Verteidigungsministerium offenbar dazu entschieden hat, die insgesamt 18 bereits an die Ukraine gelieferten und zugesagten Feuereinheiten mit jeweils zwei zusätzlichen Startgeräten aufzurüsten.
Ein entsprechender Vertrag im Wert von etwa 182 Millionen Euro zwischen der Ukraine und dem Hersteller Diehl Defence mit Deutschland als Finanzier wurde am Rande der diese Woche durchgeführten deutsch-ukrainischen Regierungskonsultationen gezeichnet.
Mögliche Hintergründe der Entscheidung
Während offiziell keine weiteren Einzelheiten zu möglichen Gründen dieser Entscheidung bekannt gegeben wurden, liegen diese dennoch auf der Hand.
So scheint die Ukraine wenig überraschend abseits der ohnehin vorgesehenen Lieferungen kurzfristig zusätzlichen Bedarf an hochmodernen Luftverteidigungssystemen zu haben, während dem deutschen Verteidigungsministerium allerdings nur ein sehr begrenztes Budget zur Verfügung steht.
Bislang war dies nur bedingt ein Problem, da der Hersteller Diehl Defence seine Produktionskapazitäten über die Jahre signifikant erhöht hat und die ukrainischen Streitkräfte bei der Auslieferung neu hergestellter Munition und Feuereinheiten regelmäßig bevorzugt wurden.
So haben beispielsweise Deutschland, Estland und Ägypten temporär auf die Auslieferung von Material an die eigenen Streitkräfte verzichtet, damit diese an die Ukraine weitergeleitet werden konnten.

Nun werden jene Lieferungen nachgeholt, während andere wie geplant durchgeführt werden. Abgesehen von der Ukraine, welche in diesem Jahr meinen Informationen zufolge erneut drei neue Feuereinheiten erhalten wird, rechnen sowohl Dänemark, Estland, und Lettland als auch Deutschland mit neuem Material.
Mit anderen Worten: Zumindest in diesem Jahr dürften keine zusätzlichen Produktionsslots für die Ukraine frei sein. Zusätzlich beauftragte Feuereinheiten würden wohl erst ab Ende 2028 geliefert werden können.
Gleichzeitig steht dem deutschen Verteidigungsministerium nur ein sehr begrenztes Budget zur Verfügung. Zwar wurden mit 11,5 Milliarden Euro für die militärische Unterstützung noch nie mehr Mittel in einem einzigen Jahr bereitgestellt, allerdings sind unter anderem mit dem PURL-Programm auch zusätzliche Projekte hinzugekommen, welche finanziert werden müssen.
Daher scheint man sich auf die „nächstbeste“ Option gestürzt zu haben: die Aufrüstung der bereits gelieferten und zugesagten Feuereinheiten.
Dadurch, dass diverse Unterstützungsfahrzeuge, TRML-4D-Radareinheiten, TOCs und andere Elemente nicht produziert und dementsprechend bezahlt werden müssen, fällt der Preis verhältnismäßig sehr niedrig aus und ist durch das deutsche Verteidigungsministerium tragbar.
Gleichzeitig verstärkt man die ukrainische Luftverteidigung mit 36 zusätzlichen Startgeräten signifikant.
Der weitere Ablauf der Aufrüstung
Auch wie die Aufrüstung genau ablaufen soll, ist nicht bekannt. Allerdings wüsste ich nicht, warum diese nicht wie die zuvor durchgeführte Aufrüstung der IRIS-T SLM-Feuereinheiten ablaufen soll.
Schließlich finanzierte die Bundesregierung bereits in den vergangenen Jahren die Lieferung von zwei zusätzlichen IRIS‑T SLS‑Startgeräten, welche sowohl zusammen mit jeder für die Ukraine neu produzierten IRIS‑T SLM‑Feuereinheit ausgeliefert werden, als auch nachträglich in die zuvor ausgelieferten Feuereinheiten integriert wurden.

Daher kann man davon ausgehen, dass sich das deutsche Verteidigungsministerium an dieser Blaupause bedient und die neun zugesagten Feuereinheiten ab sofort mit jeweils einem IRIS-T SLM-Startgerät (mittlere Reichweite) und einem IRIS-T SLS-Startgerät (kurze Reichweite) mehr an die Ukraine geliefert werden, während allmählich über die nächsten Monate und Jahre die anderen neun bereits im Dienst der ukrainischen Streitkräfte stehenden Feuereinheiten nachträglich aufgerüstet werden.
Einfach ausgedrückt bedeutet dies, dass die ukrainischen IRIS-T SLM-Feuereinheiten bald über mehr als doppelt so viel Feuerkraft verfügen werden wie die Einheiten, die ursprünglich in den Jahren 2022 und 2023 zur Verteidigung der Ukraine eingesetzt wurden.
Die Anzahl der Startgeräte in einer Feuereinheit stieg von ursprünglich drei (3 mal SLM) auf fünf (3 mal SLM und 2 mal SLS). Bald werden es sieben Startgeräte sein (4 mal SLM und 3 mal SLS), womit dann auch das Ende der Fahnenstange erreicht sein dürfte, da in eine einzige Feuereinheit maximal acht Startgeräte integriert werden können.
Die geplante Aufrüstung gibt auch Anlass zu Hoffnung hinsichtlich der Versorgung mit Lenkflugkörpern.
Schließlich ergibt es keinen Sinn, zusätzliche Startgeräte in eine Feuereinheit zu integrieren, wenn man den daraus resultierenden Bedarf an zusätzlichen Lenkflugkörpern nicht befriedigen kann.
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