„Deutschland ist mit Abstand der weltweit größte Unterstützer der Ukraine.“ Diese und viele ähnliche Aussagen werden seit Monaten immer wieder von führenden deutschen Politikern wie Bundeskanzler Merz und Verteidigungsminister Pistorius wiederholt.
Faktisch gesehen ist dies mit dem Wegfall der meisten bilateralen US-Hilfen seit der Amtsübernahme von US-Präsident Trump im Januar 2025 auch absolut korrekt. Allerdings ignoriert diese Aussage eine essenzielle Kernfrage. Ist das überhaupt ausreichend?
Dieser Frage bin ich auf den Grund gegangen, und um den Rahmen dieses Artikels nicht zu sprengen, beschränke ich mich auf die militärische Unterstützung Deutschlands in diesem Jahr.
Diese hat nach der Bereitstellung weiterer Mittel in Höhe von 3 Milliarden Euro einen Gesamtumfang von 11,5 Milliarden Euro. Ein Rekord! Noch nie hat die Bundesregierung oder die Regierung eines anderen Landes in Europa innerhalb eines Jahres mehr für die militärische Unterstützung der Ukraine aufgewendet.
Insbesondere wenn man diese Summe mit den bekannten Summen der militärischen Unterstützung, welche durch andere Länder bereitgestellt wird, vergleicht, wird klar, dass Deutschland seinen Führungsanspruch nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten klar untermauert.
So entsprechen die 11,5 Milliarden Euro aus Deutschland dem Umfang der gesamten militärischen Hilfe, die vom Vereinigten Königreich (3 Milliarden Pfund), Dänemark (2 Milliarden US-Dollar), Belgien (1 Milliarde Euro), Spanien (1,2 Milliarden US-Dollar) und den baltischen Staaten in diesem Jahr bereitgestellt wird, und es bleibt immer noch ein Milliardenbetrag übrig, der der bislang nicht öffentlich bezifferten Hilfe anderer Länder entspricht.
Doch reichen diese Mittel aus, um den Bedarf der ukrainischen Armee zu decken? Hier muss man leider sagen: Nein, tun sie nicht. Diesbezüglich muss man aber auch anerkennen, dass dies kein rein deutsches Problem ist, sondern viele europäische Staaten eine Mitschuld tragen.
Für diesen Artikel habe ich länger recherchiert und gerechnet, möchte aber drei Beispiele hervorheben, um zu verdeutlichen, warum Deutschlands Beiträge zur militärischen Unterstützung der Ukraine zu niedrig sind und wie viel Geld man ungefähr zusätzlich benötigt.
Der PURL-Mechanismus
Durch den Wegfall der meisten bilateralen US-Militärhilfen standen die Ukraine und ihre Unterstützerstaaten vor einem großen Problem.
Schließlich finanzierten die USA jahrelang den Großteil der US-Rüstungsgüter, worunter nicht nur Waffensysteme, gepanzerte und ungepanzerte Fahrzeuge, sowie umfangreiche Munitionspakete, unter anderem für das Luftverteidigungssystem MIM-104 Patriot, den Mehrfachraketenwerfer M142 HIMARS oder die 155-mm-Artillerie, fallen, sondern auch Ersatzteilpakete für eben Genanntes und andere Unterstützung.
Zur Lösung des Problems wurde der PURL-Mechanismus geschaffen. Über die NATO koordiniert, finanzieren vorwiegend europäische NATO‑Mitglieder, aber auch Länder wie Kanada und Australien US-Rüstungsgüter für die Ukraine, welche dringend benötigt und nicht über andere Quellen beschafft werden können.
Der jährliche Bedarf an Mitteln für den Mechanismus wurde zunächst auf 12 Milliarden US-Dollar festgelegt, was bedeutet, dass die Unterstützerstaaten der Ukraine zusätzlich zur bereits eingeplanten bilateralen Militärhilfe zusammen jeden Monat eine Milliarde US-Dollar auftreiben mussten, um zumindest einen Bruchteil der weggefallenen US-Militärhilfen zu übernehmen.
Für 2026 wurde der Bedarf allerdings noch einmal signifikant auf insgesamt 15 Milliarden US-Dollar erhöht, was für noch größere Probleme sorgt.
Leider ist es nicht öffentlich bekannt, ob es einen festen Schlüssel gibt, nach dem die Unterstützerstaaten Mittel für den PURL-Mechanismus bereitstellen, oder ob dies je nach ukrainischem Bedarf und verfügbaren Mitteln geschieht.
Allerdings rechne ich immer mit dem EU-Schlüssel, mit dem Deutschlands Anteil an „letalen Unterstützungsmaßnahmen“ berechnet wird. Meiner Meinung nach ist dies fair, da zwar einerseits einige EU-Staaten wie Frankreich sich weigern, Mittel für PURL bereitzustellen, andererseits aber auch Nicht-EU-Länder wie Australien, Großbritannien oder Kanada Mittel bereitstellen, wodurch sich das relativ ausgleichen dürfte.
Deutschlands Anteil beträgt laut dem eben angesprochenen EU-Schlüssel 26,7 %. Bei 15 Milliarden US-Dollar für den PURL-Mechanismus im Jahr 2026 bedeutet das, dass die Bundesregierung etwas mehr als vier Milliarden US-Dollar (aktueller Umrechnungskurs etwa 3,5 Milliarden Euro) auf den Tisch legen müsste, damit die ukrainischen Bedarfe gedeckt sind.
Da allerdings nur drei Milliarden Euro mehr für 2026 bereitgestellt wurden, lässt sich bereits hier ein Defizit mit dem Resultat erkennen, dass Deutschland entweder den unersetzbaren PURL-Mechanismus mit zu wenig Mitteln unterstützt, oder notgedrungen bilaterale Militärhilfen kürzt, um ausreichende Mittel bereitzustellen.
Soweit mir bekannt ist, hat Deutschland bis Ende Mai 2026 (in 10 Monaten) auf drei Pakete verteilt gerade einmal 700 Millionen US-Dollar bereitgestellt, wodurch man rein auf die Anzahl an bereitgestellten Mitteln, die öffentlich angekündigt wurden, noch hinter Kanada, den Niederlanden und Norwegen auf „Platz 4“ liegt.
Verteidigungsministerium bekommt Mehrbedarf nicht finanziert
Zusätzlich zum PURL-Mechanismus plante das Verteidigungsministerium auch mit deutlich mehr Mitteln für die bilaterale Militärhilfe.
Bereits im September 2025 wurde dank Recherchen der BILD bekannt, dass das deutsche Verteidigungsministerium ursprünglich für das aktuelle Jahr mit rund 15,85 Milliarden Euro und für das kommende Jahr mit rund 12,8 Milliarden Euro geplant hat.
Allerdings verweigerte das Finanzministerium mit Billigung oder Unterstützung von Bundeskanzler Friedrich Merz einen erheblichen Teil der Mittel, wodurch dem Verteidigungsministerium zunächst „nur“ 9 Milliarden Euro pro Jahr blieben.
Insgesamt fehlten also mehr als 10,6 Milliarden Euro, welche das Verteidigungsministerium eigentlich in die Militärhilfe für die Ukraine investieren wollte. Besonders schockierend wird es, wenn man sich einen relevanten Ausschnitt aus dem Dokument des deutschen Verteidigungsministeriums durchliest, welches die BILD zitiert.
Dort steht geschrieben, dass zur Einhaltung der Vorgaben des Finanzministeriums für das aktuelle Jahr keine zusätzliche Unterstützung über die Industrie mit Vertragsschluss 2026 geschlossen werden konnte, welche man auch in diesem Jahr hätte bezahlen müssen. Noch schlimmer: In diesem Jahr geschlossene Verträge, die Lieferungen im kommenden Jahr nach sich ziehen würden, mussten ebenfalls teilweise gestrichen oder angepasst (sprich: weniger Militärhilfe) werden.
Zwar wurden nach Abschluss der Verhandlungen noch einmal zusätzliche Mittel bereitgestellt, womit in diesem Jahr rund 11,5 Milliarden Euro aufgewendet werden können, dennoch bleibt es dabei, dass gegenüber den ursprünglichen Planungen des deutschen Verteidigungsministeriums in diesem Jahr immer noch rund 4,3 Milliarden Euro fehlen. Das entspricht der Militärhilfe des Vereinigten Königreichs und Belgiens zusammen!
Zusätzliche Ukraine-Hilfe bedeutet nicht unbedingt neue Hilfen für die Ukraine
Ein weiterer Faktor, der zu bedenken ist, aber in der öffentlichen Diskussion oftmals außen vor gelassen wird, ist, dass zusätzliche Ukraine-Hilfen nicht unbedingt mit neuen Hilfen für die Ukraine gleichzusetzen sind.
So wurden beispielsweise im vergangenen Jahr mehr als eine Milliarde Euro der „Ukraine-Hilfe“ dafür aufgewendet, der Bundeswehr Ersatz für abgegebenes Material zu beschaffen.
Grundsätzlich ist dies auch logisch. Schließlich erlauben diese Mittel zusätzliche Abgaben aus Beständen der Armee, weil man eben weiß, dass für die Wiederbeschaffung zusätzliche Mittel bereitgestellt werden und garantierter Ersatz der Truppe zufließen wird.
Allerdings bedeutet das auch, dass ein nicht unerheblicher Teil der jährlich zugesagten Ukraine-Hilfen nicht direkt für neue Hilfen verwendet wird. Dies gilt insbesondere seit der zweiten Jahreshälfte von 2024. Seitdem gab es im Vergleich zu den Vorjahren kaum noch neue Zusagen oder Lieferungen aus den Beständen der Bundeswehr.
Besonders dick kommt es in diesem Jahr: Von den etwa 11,5 Milliarden Euro an deklarierten Ukraine-Hilfen, fließen mehr als 1,8 Milliarden Euro zurück in die Bundeswehr und nicht in die Ukraine.

Deutschlands Militärhilfe ist nicht ausreichend
Unter der Betrachtung der Beispiele lässt sich deutlich erkennen, dass Deutschlands Militärhilfe für die Ukraine in diesem Jahr keinesfalls ausreichend ist.
Rechnet man nur die offenen Mittel für den PURL-Mechanismus und die nicht bewilligten Mittel, welche das deutsche Verteidigungsministerium eigentlich in diesem Jahr zusätzlich ausgeben wollte, zusammen, fehlen alleine in diesem Jahr weit mehr als vier Milliarden Euro an dringend benötigter Militärhilfe.
Allerdings gibt es ein Licht am Ende des Tunnels. So erwartet die Ukraine alleine in diesem Jahr 28,3 Milliarden Euro als Teil des 90 Milliarden Euro schweren EU-Hilfspakets, welche man in die Verteidigungsbemühungen investieren möchte.
Zwar ist unter anderem bereits ein nicht unerheblicher Teil von 5,9 Milliarden Euro für die ukrainische Drohnenproduktion, die Stärkung der heimischen Rüstungsindustrie und dringende Lieferungen für das Militär entlang der Frontlinie reserviert, allerdings bleibt zweifelsohne noch genügend Geld übrig, dass die Ukraine unter anderem etwaige fehlende Finanzierungen für den PURL-Mechanismus selbst übernehmen könnte.
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