Mehr als drei Jahre ist es inzwischen her, dass die ukrainische Regierung die Bundesregierung erstmals offiziell um die Lieferung des Marschflugkörpers Taurus KEPD-350 gebeten hat, doch für Berlin ist die Lieferung auch weiterhin keine Option.
Und das, obwohl Deutschlands aktueller Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner Oppositionszeit seinen jetzigen Vorgänger Olaf Scholz für seine Entscheidung, der Ukraine den Marschflugkörper nicht zu liefern, nicht nur stets kritisiert, sondern mit einer Lieferung an die Ukraine wiederholt Wahlkampf gemacht hat.
Zwischenzeitlich sprach er sogar von einem 24-Stunden-Ultimatum. »Wenn er (Anm. d. Red.: Putin) nicht innerhalb von 24 Stunden aufhört, die Zivilbevölkerung in der Ukraine zu bombardieren, dann müssen aus der Bundesrepublik Deutschland auch Taurus-Marschflugkörper geliefert werden […].«, so der aktuelle Bundeskanzler am 16.10.2024 im Bundestag.
Doch nur wenige Monate später kam alles anders. Seit seiner Amtsübernahme im vergangenen Jahr nannte Merz wie sein Vorgänger verschiedenste Gründe, warum es keine Lieferung an die Ukraine geben wird, obwohl er diese selbst so vehement gefordert hatte.
Während alle bisher durch Merz genannten Gründe bestenfalls als Halbwahrheiten bezeichnet werden können, hält sich ein Gerücht hartnäckig: Die USA würden unter Donald Trump eine Lieferung an die Ukraine blockieren.

Möglich wäre dies aufgrund von ITAR-Bestimmungen (International Traffic in Arms Regulations). Dabei handelt es sich einfach erklärt um ein US-Regelwerk zur Erfassung und Kontrolle des (Re-)Exports von US-Rüstungsgütern. Da im Taurus auch US-Technik verbaut sei, habe die Trump-Regierung ein Mitspracherecht.
Fakt ist, dass übereinstimmenden Medienberichten zufolge die USA vor zehn Jahren einen Export nach Südkorea über Monate hinweg aufgrund von ITAR-Bestimmungen verzögert hatten.
Doch ob dies auch einen möglichen Ukraine-Export betrifft, ist nicht offiziell bekannt. Bislang haben sich weder die deutsche noch die amerikanische oder die ukrainische Regierung zu dem Thema geäußert.
Doch nun spricht Hersteller MBDA Deutschland Klartext. Im Kurzinterview mit sicherheitspolitischem Content Creator und ehemaligem Bundeswehroffizier David Matei antwortet Guido Brendler, SVP Sales & Business Development bei MBDA Deutschland, auf die Frage nach einer möglichen US-Blockade einer Taurus-Lieferung an die Ukraine, dass dies »Bullshit« sei.
Heißt: Obwohl ein Export des Taurus KEPD-350 an die Ukraine ITAR-Bestimmungen unterliegt, scheint dies nach Ansicht des Herstellers kein ausschlaggebender Faktor dafür zu sein, warum die Lieferung des langersehnten Marschflugkörpers bislang nicht an die Ukraine zugesagt wurde. Klarer hätte man den Gerüchten nicht widersprechen können.
Diese Aussage wird zudem durch die Tatsache gestützt, dass keiner der hochrangigen Angehörigen der Bundeswehr, deren „geheime“ Besprechung über den Taurus Anfang 2024 von russischen Geheimdiensten aufgezeichnet und anschließend veröffentlicht wurde, eine Blockade seitens der USA erwähnt hat.
Mehr noch, laut einem der vier anwesenden hochrangigen Soldaten gäbe es – zumindest zu dem Zeitpunkt – keinen Grund, der eine Lieferung an die Ukraine zwingend verbieten würde.
Auf meine Bitte hin, den „Bullshit“ näher zu erläutern, konnte MBDA Deutschland zu diesem Thema aus offensichtlichen Gründen leider keine weiteren Angaben machen.
Gleichwohl lässt die Aussage keinen Interpretationsspielraum. Was auch immer gegen die Lieferung des Marschflugkörpers spricht, an einem Veto der USA liegt es aus Sicht des Herstellers nicht.
Ist die Lieferung des Taurus KEPD-350 noch relevant?
Über die Frage, ob eine Lieferung des Marschflugkörpers Taurus KEPD-350 an die Ukraine denn überhaupt noch relevant ist, wird insbesondere seit der Amtsübernahme von Friedrich Merz immer wieder diskutiert.
Auch Merz selbst spricht davon, dass die Ukraine in den vergangenen Monaten und Jahren enorme Fortschritte bezüglich eigener Waffensysteme gemacht hat und sie inzwischen nicht mehr auf eine Lieferung angewiesen sei.
Grundsätzlich stimmt dies auch, nicht zuletzt unter anderem dank finanzieller Unterstützung aus Deutschland. Allerdings bedeutet das nicht, dass eine Lieferung nicht dennoch relevant und wichtig wäre.
So hat die Ukraine alleine zwischen dem 7. März 2026 und dem 25. Mai 2026 in mindestens vier Missionen mit erfolgreich bzw. teilweise erfolgreich bekämpften russischen Hochwertzielen Marschflugkörper des Typs SCALP-EG (Frankreich) oder Storm Shadow (Großbritannien) anstelle eigener Entwicklungen wie der An-196 Liutyi oder dem FP-5 eingesetzt.
Demzufolge hätte das ukrainische Militär in jeder dieser Missionen entweder aufgrund der Missionsparameter oder der Verfügbarkeit an Wirkmitteln den Taurus gegenüber eigenen Entwicklungen vorgezogen.
Daher wäre eine Lieferung des Marschflugkörpers – selbst in begrenzter Stückzahl – nicht nur aus militärischer Sicht, sondern sicherlich auch aus politischer Sicht weiterhin sehr relevant und notwendig.
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