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Taurus KEPD-350: Ukrainische Armee stellt die Notwendigkeit einer Lieferung unter Beweis

In den vergangenen Tagen hat das ukrainische Militär zwei militärische Ziele innerhalb Russlands mit von Großbritannien gelieferten Storm Shadow-Marschflugkörpern angegriffen und so demonstriert, dass eine Lieferung des deutsch-schwedischen Marschflugkörpers Taurus KEPD-350 weiterhin notwendig ist.

SCALP-EG strike against high-value target
Marschflugkörper des Typs SCALP-EG und ballistische Raketen des Typs ATACMS wurden genutzt, um ein hochrangiges militärisches Ziel in der Nähe des Donezker Flughafens im März 2026 zu bekämpfen
Von GAU
Veröffentlicht: 27. Oktober 2026
14 Minuten Lesezeit
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Obwohl Friedrich Merz in seiner Zeit in der Opposition wiederholt die Lieferung des Marschflugkörpers Taurus KEPD-350 forderte und sogar ein 24-Stunden-Ultimatum in den Raum stellte, weigert er sich nun seit etwa anderthalb Jahren, den eigenen Worten Taten folgen zu lassen. Es ist ein seltener Makel in der sonst so umfangreichen und soliden Unterstützung des heutigen Bundeskanzlers.

Inhaltsverzeichnis
  • Ausbildung, Einsatzbereitschaft & Integration
    • Ausbildung
    • Einsatzbereitschaft
    • Integration
  • Mehr Vorteile als Nachteile

Gleichwohl gab der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erst kürzlich gegenüber Journalisten bekannt, dass man nicht aufgebe und auch weiterhin auf eine Lieferung hoffe.

Doch für die Bundesregierung scheint dies keine Option zu sein. Wiederholt haben deutsche Regierungsmitglieder hervorgehoben, dass man die Ukraine bei der Entwicklung und Produktion eigener Waffensysteme unterstütze und daher eine Lieferung des Taurus KEPD-350 nicht länger notwendig sei. Doch trifft das zu?

Ersteres definitiv ja! Kurz nach seiner Amtsübernahme kündigte Merz im Rahmen eines fünf Milliarden Euro schweren Paketes unter anderem an, weitreichende Waffensysteme aus ukrainischer Produktion zu finanzieren. Dieser Schritt wurde zumindest in Teilen bereits unter seinem Vorgänger Olaf Scholz in die Wege geleitet.

Tatsächlich trägt die von Bundeskanzler Merz getätigte Ankündigung Früchte. Noch im vergangenen Jahr finanzierte die Bundesregierung unter anderem mehr als 500 Langstreckendrohnen des Typs An-196 Liutyi. In diesem Jahr wurde unter anderem die Produktion des ukrainischen Marschflugkörpers Bars in Deutschland angesiedelt.

Marschflugkörper Bars
Ein Bars Marschflugkörper | Bild: Hersteller

Mit beiden Waffensystemen greift das ukrainische Militär regelmäßig militärische Ziele innerhalb der temporär besetzten Gebiete und auf russischem Staatsgebiet an.

Doch nur weil Deutschland unter der Leitung von Friedrich Merz zu einem der wichtigsten Geldgeber und Unterstützer der Ukraine im Bereich der Finanzierung und Produktion von ukrainischen Drohnensystemen und Marschflugkörpern geworden ist, heißt das nicht, dass eine potenzielle Lieferung des Taurus KEPD-350 nicht dennoch politisch sowie militärisch sehr viel Sinn ergeben würde.

Ganz im Gegenteil. In den vergangenen Tagen stellte das ukrainische Militär nicht zum ersten Mal demonstrativ unter Beweis, dass eine Lieferung des lang ersehnten Marschflugkörpers weiterhin nicht nur wünschenswert, sondern dringend notwendig ist.

Nur wenige Tage nachdem Bloomberg über eine bevorstehende britische Lieferung weiterer Storm Shadow-Marschflugkörper berichtet hat, brauchte das ukrainische Militär wohl umgehend einen Großteil der gelieferten Marschflugkörper im Rahmen aufeinanderfolgender Angriffe auf.

Am 23. Oktober wurden jene Marschflugkörper für einen Angriff auf eine Fabrik des Unternehmens Proton-Electrotex JSC in Orjol (Russland) eingesetzt. In dieser Fabrik wird optoelektronische Ausrüstung hergestellt, welche etwa für den Bau der ballistischen Rakete Iskander-M notwendig ist. Ukrainischen Angaben zufolge wurde die Hauptproduktionsstätte zerstört, ein weiteres Gebäude mit Servern beschädigt.

Am 25. Oktober wurde eine in Jelez (Russland) ansässige Fabrikanlage des Unternehmens Energija JSC angegriffen und basierend auf öffentlich verfügbarem Bildmaterial mindestens schwerbeschädigt. Bei der Fabrik handelt es sich um einen Schlüsselstandort zur Produktion von elektronischer Ausrüstung, welche in verschiedensten russischen Waffensystemen wie Gleitbomben und ballistischen Raketen zu finden ist.

Angriff mit Storm Shadow gegen Proton-Electrotex JSC | Video: Exilenova+
Angriff mit Storm Shadow auf Energija JSC | Video: Exilenova+

Bei der Auswertung der beiden Angriffe fallen gleich mehrere Aspekte auf. Zum einen scheint wie zu erwarten dringender Handlungsbedarf zu bestehen. In Anbetracht der erst kürzlich zuvor erfolgten Lieferung durch die britische Regierung, scheint die ukrainische Armee moderne Marschflugkörper wie den Storm Shadow praktisch in Echtzeit aufzubrauchen.

Das Ziel ist klar: Angesichts der schleppenden Lieferungen von Lenkflugkörpern für moderne Luftverteidigungssysteme wie MIM-104 Patriot und NASAMS möchte man schnellstmöglich noch vor dem kalten ukrainischen Winter erheblichen Schaden bei der russischen Rüstungsindustrie anrichten, um so die Produktion jener Waffensysteme zu behindern und zu unterbinden, mit denen Russland täglich die ukrainische Zivilbevölkerung terrorisiert.

Zum anderen wird aber auch deutlich, dass die ukrainische Armee, wenn es Sinn ergeben würde und man mit eigenen Waffensystemen wie der FP-1 oder dem FP-5 den nötigen Effekt erzielen könnte, jene Anlagen ohne Probleme Tag und Nacht bekämpfen könnte.

Schließlich hat das ukrainische Militär eine Vielzahl an heimischen Waffensystemen eingeführt, welche im Gegensatz zum Storm Shadow hochverfügbar sind, während beide zuletzt angegriffenen Ziele weniger als 350 Kilometer von dem von der Ukraine kontrollierten Charkiw entfernt sind und somit in Schlagdistanz jener ukrainischen Waffensysteme liegen.

Eine FP-1 Langstreckendrohne trifft ein Lagerhaus
von Wildberries in der Region um Moscow
Video Exilenova+

Dadurch zeigt die Ukraine nicht zum ersten Mal, dass moderne westliche Marschflugkörper wie der Storm Shadow oder SCALP‑EG zumindest aktuell ukrainischen Eigenentwicklungen technologisch überlegen sind, die russische Luftverteidigung vor massive Probleme stellen und das ukrainische Militär daher auf kontinuierliche Lieferungen angewiesen ist.

Genau hier kommt der deutsch-schwedische Marschflugkörper Taurus KEPD-350 ins Spiel. Während eine Lieferung aus Beständen der Bundeswehr dem ukrainischen Militär natürlich kurzfristig einen Fähigkeitsaufwuchs bieten würde (besserer Gefechtskopf gegen gehärtete Ziele und leicht erhöhte Reichweite), geht es vorwiegend um den Fähigkeitserhalt, den eine Lieferung von 50 bis 100 Marschflugkörpern zumindest auf absehbare Zeit garantieren würde.

Während man auf eine erneute Lieferung neu produzierter Storm Shadow oder SCALP‑EG wartet – es soll sogar eine eigene Produktionslinie in der Ukraine aufgebaut werden –, könnte man zur Überbrückung auf den Taurus KEPD-350 zurückgreifen.

Dadurch würde die Ukraine auch den Druck auf Russland aufrechterhalten und die Produktion russischer Mittel, die täglich für Angriffe auf ukrainische Städte eingesetzt werden, länger unterbrechen beziehungsweise erschweren.

Ausbildung, Einsatzbereitschaft & Integration

Gleichwohl werden neben der Tatsache, dass die ukrainische Rüstungsindustrie inzwischen eigene, sehr funktionale Waffensysteme entwickelt hat, immer wieder die Argumente Ausbildung, Einsatzbereitschaft und Integration diskutiert, welche gegen eine Lieferung sprechen. Doch nur auf den ersten Blick, da sich sämtliche Argumente leicht entkräften lassen.

Ausbildung

Tatsächlich entspricht es der Wahrheit, dass der deutsch-schwedische Marschflugkörper nicht einfach geliefert und sofort eingesetzt werden kann. Ukrainische Soldaten müssen intensiv und mehrschichtig am System ausgebildet werden.

Dafür muss man laut einer offiziellen Einschätzung des Herstellers etwa drei bis vier Monate einkalkulieren. Würde man also heute mit der Ausbildung ukrainischer Soldaten starten, würden diese jene Ausbildung wohl erst zum fünften Jahrestag der vollständigen Invasion der Ukraine durch Russland abschließen.

Allerdings wird sich an der langen Ausbildungszeit nichts ändern. Das Argument der langen Ausbildung wurde bereits während der Amtszeit des ehemaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz angesprochen, aber auch vom aktuellen Bundeskanzler Friedrich Merz mehrfach wiederholt. So etwa in einem im Juli 2025 veröffentlichten Interview mit maischberger.

Am Ende bleibt eines Fakt: Hätte die Bundesregierung einen Tag nach dem Interview die Ausbildung in Auftrag gegeben, hätte man bis heute drei vollständige Ausbildungslehrgänge durchgeführt. Das Argument der längeren Ausbildungszeit hat also keine Daseinsberechtigung.

Einsatzbereitschaft

Als nächstes wird auch die Einsatzbereitschaft des deutschen Taurus-Bestandes hervorgehoben. Je nach Quelle sollen „nur“ 150 bis 300 der etwa 600 Marschflugkörper im Bestand der Bundeswehr tatsächlich einsatzbereit sein.

Das würde die Anzahl der Marschflugkörper einschränken, die man selbst potenziell abgeben könnte, da einerseits ein nicht unerheblicher Teil nicht einsatzbereit ist und andererseits die Bundeswehr eine strategische Reserve vorhalten muss.

Bundeswehr Tornado mit Taurus
Mehrere Marschflugkörper vom Typ Taurus KEPD-350 sind an einem deutschen PA-200 Tornado angebracht | Bild: Bundeswehr/Adolfs

Aber auch gegen diese Behauptung sprechen mehrere Argumente. Bereits im Dezember 2024 wurde ein Vertrag zwischen der Bundeswehr und der TAURUS Systems GmbH geschlossen, welcher die Wartung und Modernisierung der Taurus KEPD-350 in Beständen der Bundeswehr sicherstellt. Mit den Arbeiten soll laut bundeswehr-journal bereits im vergangenen Jahr begonnen worden sein. Die Anzahl der verfügbaren Marschflugkörper dürfte sich also bereits erhöht haben.

Gleichzeitig wurde die Beschaffung zusätzlicher Systeme in die Wege geleitet, sodass die Bundeswehr weniger auf den deutsch-schwedischen Marschflugkörper angewiesen ist. So wurde unter anderem eine Absichtserklärung für die Beschaffung von Tomahawk-Marschflugkörpern aus US-Produktion unterzeichnet und die zukünftige Produktion einer Taurus-Weiterentwicklung unter dem Namen „NEO“ angestoßen, während weitere Optionen für den kurzfristigen Fähigkeitsaufwuchs laut der Berichterstattung von Politico Europe bereits seit Monaten evaluiert werden und sich wohl bald konkretisieren dürften.

Gleichzeitig ging die Bundeswehr bereits vor der Überholung weiterer Taurus-Marschflugkörper und der Beschaffung von Alternativen davon aus, dass man ohne Probleme Abgaben an die Ukraine leisten könnte.

Im Zuge eines im März 2024 von russischen Kanälen veröffentlichten Gespräches zwischen hochrangigen Bundeswehrangehörigen (unter anderem dem damaligen Inspekteur der Luftwaffe Ingo Gerhartz), welche sich auf eine Präsentation im Verteidigungsministerium vorbereiteten und dabei abgehört wurden, kamen diese zu dem Schluss, dass die Bundeswehr auf 50 Taurus KEPD-350 verzichten und zur Not abermals 50 Stück – also 100 Marschflugkörper insgesamt – liefern könnte.

Ein Verweis auf zu wenige Marschflugkörper, die einsatzbereit wären, kann man so also nicht gelten lassen.

Integration

Zuletzt wird auch die Integration immer wieder angesprochen. So hat das ukrainische Militär nach aktuellem Stand keine native Startplattform für den Marschflugkörper und müsste diese Hürde vor einem Einsatz nehmen.

Aber auch dieses Argument lässt sich leicht entkräften. Zwar wird man für die anfälligen Arbeiten viel Zeit investieren müssen, allerdings kann man mit der Integration parallel zur Ausbildung starten, um Zeit zu sparen.

Nach aktuellem Stand hätte das ukrainische Militär drei Optionen und könnte auf die Kampfjets Su‑24, F‑16 und Mirage 2000 zurückgreifen. Die Su‑24 wurde bereits zuvor als Plattform für den Storm Shadow und SCALP-EG ausgewählt. Letzterer kann inzwischen auch über den Kampfjet Mirage 2000 eingesetzt werden.

Marschflugkörper des Typs Storm Shadow und SCALP-EG werden von einer ukrainischen Su-24 eingesetzt | Video: Kommando der ukrainischen Luftwaffe

Für die jeweiligen Arbeiten an der Su-24 und der F-16 kalkuliert der Hersteller 6 Monate beziehungsweise 18 Monate Arbeit ein. Mit der Integration des Marschflugkörpers wäre man also frühestens im April 2027 fertig.

Eine weitere Möglichkeit wären die JAS 39 Gripen C/D, welche die ukrainische Luftwaffe wohl Anfang 2027 erstmals in Empfang nehmen wird. Erst kürzlich wurde der Taurus KEPD-350 unabhängig von der Lieferung an die ukrainischen Streitkräfte offiziell integriert.

An möglichen Startplattformen wird es also nicht mangeln und wie schon beim Thema „Ausbildung“ erwähnt, hätte man den deutsch-schwedischen Marschflugkörper inzwischen zweimal in eine Su-24 integrieren können, oder wäre bereits zu zwei Dritteln mit der Arbeit an der F-16 fertig.

Mehr Vorteile als Nachteile

Fakt ist, dass die Ukraine in den vergangenen Tagen erneut gezeigt hat, dass eine Lieferung aus Beständen der Bundeswehr bitter nötig wäre und militärisch viel Sinn ergeben würde.

Die Marschflugkörper werden dringend benötigt, um die russische Rüstungsindustrie stärker und länger unter Druck zu setzen und die Produktion von Drohnen, Marschflugkörpern, ballistischen Raketen und Gleitbomben zumindest temporär zu unterbinden.

Wie eingangs erwähnt würde eine Lieferung auch aus politischer Sicht Sinn ergeben. Das Bundeskanzler Merz sie bislang aktiv verhindert oder zumindest nicht durchgedrückt hat, ist der Beweis, dass es weiterhin rote Linien gibt. Eine erfolgte Lieferung würde Putin endgültig klar machen, dass die deutsche Unterstützung keine Grenzen mehr kennt.

Abschließend lässt sich also sagen, dass wesentlich mehr für eine Lieferung spricht als dagegen und sich im Grunde alle öffentlich bekannten Argumente gegen eine Lieferung im Großen und Ganzen entkräften lassen.

Einer zukünftigen Lieferung an die Ukraine sollte also nichts im Wege stehen.


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TAGGED:BundeswehrDeutschlandSCALP-EGStorm ShadowTaurus KEPD 350Ukraine

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