Um Hochwertziele effektiv zu bekämpfen und die eigene Artillerie auf noch größere Distanzen wirken zu lassen, plant das ukrainische Verteidigungsministerium offenbar, Vulcano-Munition des Kalibers 155 mm zu beschaffen.
Dies geht aus einer der drei Absichtserklärungen hervor, die am vergangenen Sonntag in Kyjiw von dem ukrainischen Verteidigungsministerium und dem deutschen Rüstungsunternehmen Diehl Defence gezeichnet wurden.
Laut Auskunft des ukrainischen Präsidialamtes handelt es sich dabei offiziell „nur“ um die »Entwicklung und Beschaffung hochpräziser Artilleriegeschosse«, jedoch ist damit nach Einschätzung der Redaktion zumindest auf kurze Sicht die Lieferung von Vulcano-Artilleriemunition gemeint.
Diese wurde bereits in der Vergangenheit in einer sehr limitierten Stückzahl von 255 Geschossen an die ukrainischen Streitkräfte ausgeliefert und nachweislich durch eine ukrainische Besatzung einer von Deutschland gespendeten PzH 2000 eingesetzt.
Die Vulcano-Familie
Entwickelt durch Leonardo und Diehl Defence ist die Vulcano-Artilleriemunition des Kalibers 155 mm in zwei Varianten – Ballistic Extended Range (BER) und Guided Long Range (GLR) – verfügbar.
Bei der Vulcano 155 BER handelt es sich um eine Artilleriegranate mit einer enorm gesteigerten Reichweite von etwa 50 Kilometern beim Kaliber 52, welches etwa bei einer PzH 2000 oder der RCH 155 zum Einsatz kommt. Dies entspricht einer Reichweite, die weit über reguläre Standardgeschosse und selbst Base-Bleed-Geschosse hinausgeht.

BER-Geschosse sind zwar ungelenkt, erreichen aber dennoch die unter den gegebenen Umständen höchstmögliche Präzision.
Eine nochmals deutlich gesteigerte Reichweite von insgesamt etwa 70 Kilometern beim Kaliber 52 und ebenfalls gesteigerte Präzision garantieren gelenkte Vulcano 155 GLR-Geschosse, welche auf Option GPS-Lenkung unter anderem mit Zielbeleuchtung in der Endphase des Fluges kombinieren können.
Dadurch soll ein CEP von maximal fünf Metern garantiert werden, was nicht nur Kollateralschäden verringert, sondern auch den gewünschten Effekt am Ziel maximiert.
Vulcano in der Ukraine
Nachdem die Lieferzusage von gerade einmal 255 durch die Bundesregierung finanzierten Geschossen im August 2022 öffentlich gemacht wurde, erreichte die erste Lieferung die ukrainischen Streitkräfte mehr als ein halbes Jahr später im März 2023.
Stand Oktober 2026 existiert nur ein einziger visueller Nachweis des Einsatzes. Ein vor Jahren veröffentlichtes Video zeigt einen ukrainischen Soldaten der 43. Artilleriebrigade in einer von Deutschland gespendeten PzH 2000, wie er ein Vulcano 155 BER-Geschoss per Hand lädt und verschießt.
Über spezielle Einsätze, konkrete Stückzahlen der gelieferten Varianten und andere Details ist nichts gesichert bekannt. Auch ob Vulcano 155 GLR von russischen Gegenmaßnahmen betroffen war, ist öffentlich verfügbaren Informationen zufolge unklar, wobei man allerdings davon ausgehen kann.
Gleiches traf auf M982 Excalibur zu, welches Medienberichten zufolge infolge russischer Gegenmaßnahmen jedwede Daseinsberechtigung verlor. Die Trefferquote sank laut einem Bericht der US‑Zeitung „The New York Times“ von 55% im Januar 2023 auf gerade einmal 6% im August 2023.
Wohl auch angesichts dessen hat Hersteller Leonardo laut der Verteidigungspublikation EDR einen Modus entwickelt, bei dem zumindest einige GLR-Geschosse wie BER-Geschosse auf Koordinaten programmiert und abgeschossen werden.
Dies verringert zwar die maximale Reichweite der GLR-Geschosse, allerdings verhalten diese sich für den Großteil des Fluges wie BER-Geschosse und können bei Verwendung des Modus nicht beeinflusst werden. So könne zumindest innerhalb der Reichweite eines BER-Geschosses (etwa 50 Kilometer) auch weiterhin der CEP von maximal drei Metern garantiert werden.
Auch deshalb wäre es möglich, dass das ukrainische Verteidigungsministerium zukünftig neben ungelenkter auch gelenkte Vulcano-Artilleriemunition beschaffen wird.
Wann und wie schnell die ersten Geschosse an die ukrainischen Streitkräfte ausgeliefert werden könnten, ist von verschiedenen Faktoren – etwa dem Zeitpunkt der Vertragsschließung und der vereinbarten Liefermenge – abhängig.
Ein Brancheninsider äußerte im Gespräch mit GAU, dass seiner Einschätzung nach unter optimalen Bedingungen eine Lieferung von mehreren Hundert Geschossen noch vor Ende des Jahres abgeschlossen werden könnte.
Weitere Inhalte
Wie bereits weiter oben beschrieben, wurden am vergangenen Sonntag insgesamt drei Absichtserklärungen unterschrieben.
Während eine die potenzielle Beschaffung von Vulcano-Munition des Kalibers 155 mm behandelte, ermöglichen die anderen beiden die Beschaffung weiterer IRIS-T SLM-Feuereinheiten und einer vierstelligen Anzahl von IRIS-T-Lenkflugkörpern.

Letztere sollen laut Aussage des deutschen Verteidigungsministers Boris Pistorius von der Ukraine mit Mitteln des „Ukraine Support Loan“ der EU gekauft werden.
Erst kürzlich berichtete GAU exklusiv über die Lieferung einer weiteren IRIS-T SLM-Feuereinheit an die ukrainischen Streitkräfte. Mit der Beschaffung weiterer Feuereinheiten würde man die ukrainischen Luftstreitkräfte weiter umfassend modernisieren und Lieferungen bis nach 2028 sicherstellen.
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