Fast genau vier Jahre nachdem die erste Tranche im September 2022 zugesagt wurde, ist die hochmoderne Radhaubitze RCH 155 an die ukrainischen Streitkräfte ausgeliefert worden. Das kann GAU nun unabhängig durch eine vertrauenswürdige Quelle bestätigen.
Bereits Anfang Juli 2026 deutete Nicholas Drummond, ein Berater von RCH 155-Hersteller KNDS Deutschland, auf X (ehemals Twitter) an, dass die erste RCH 155 an die ukrainischen Streitkräfte ausgeliefert wurde, indem er bekanntgab, dass das Artilleriesystem nun »kampferprobt« sei.
Einige Wochen später deutete auch der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius bei einem Besuch bei KNDS Deutschland eine durchgeführte Lieferung an. Er sprach in einer kurzen Stellungnahme am Rande etwa davon, dass die Radhaubitze große Zustimmung in der Ukraine findet.
Aufgrund der – vorsichtig ausgedrückt – wechselhaften Vergangenheit in Bezug auf Liefertermine und weil auch bis heute weder von ukrainischer noch von russischer Seite aus Foto- oder Videomaterial, welches die RCH 155 in der Ukraine zeigt, veröffentlicht wurde, verzichtete GAU bislang auf eine Bestätigung der Lieferung.
Inzwischen hat allerdings eine sowohl politisch- als auch industrieunabhängige Quelle die Lieferung gegenüber GAU bestätigt, womit ein scheinbar endloses und kompliziertes Kapitel in der deutschen Unterstützung der Ukraine ein hoffentlich freudiges Ende findet.
RCH 155 – die modernste Haubitze der Welt
Bei der RCH 155 handelt es sich um die aktuell modernste selbstfahrende Haubitze der Welt. Sie kombiniert das erprobte und hochautomatische Artillerie-Geschütz-Modul inklusive einer 155 mm/L52-Waffenanlage mit dem GTK Boxer als Fahrgestell.
Die Radhaubitze kann 30 155 mm-Geschosse und 144 modulare Treibladungen mit sich führen und je nach verwendeter Munition auf einer Entfernung von bis zu etwa 70 Kilometern wirken.

Mit der RCH 155 ist es nun erstmals möglich, auch während der Fahrt das Ziel zu bekämpfen. Allerdings soll dies nach Informationen des Branchenmonitors „hartpunkt“ nur auf bestimmtem Gelände bei einer maximalen Geschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde möglich sein (Stand Ende 2025).
Beauftragt wurde die RCH 155 für die Ukraine in drei Tranchen, bestehend aus je 18 Stück. Insgesamt erhält die Ukraine also 54 der modernen und hochautonomen Radhaubitzen. Für die Erfüllung des Auftrages investiert die Bundesregierung laut Auskunft des deutschen Verteidigungsministeriums stolze 890 Millionen Euro.
Von Liefertermin zu Liefertermin
Doch genau bei der Auslieferung begannen die Probleme. Obwohl Branchenexperten bereits 2022 erwarteten, dass die ersten Systeme frühestens 2025 ausgeliefert werden können, gab der zuvor oben erwähnte Nicholas Drummond als Berater von KNDS Deutschland im August 2023 auf X (ehemals Twitter) bekannt, dass zu erwarten ist, dass die ersten Radhaubitzen im ersten Quartal des Jahres 2024 an die Ukraine übergeben werden.
Doch daraus sollte nichts werden. Nur wenige Monate später, in einem im November 2023 veröffentlichten Artikel des SPIEGEL, wurde ein sehr hochrangiger KNDS‑Mitarbeiter mit den Worten zitiert, dass die ersten Exemplare nun Ende 2024 übergeben werden sollen. Die erste Verzögerung, die selbst im besten Fall etwa einem Dreivierteljahr entspricht.

Doch auch aus dieser Frist wurde nichts. Nach einer weiteren kleineren Verzögerung konnte die erste RCH 155 im Januar 2025 feierlich im Beisein des ukrainischen Botschafters Oleksii Makeiev und des deutschen Verteidigungsministers Boris Pistorius übergeben werden.
Allerdings handelte es sich dabei nur um eine formelle Übergabe des ersten Systems, welches zunächst für weitere Monate in Deutschland verbleiben sollte, um ukrainische Soldaten daran auszubilden.
Ursprünglich sollte die Ausbildung sowohl in Kassel bei KNDS Deutschland als auch in der Artillerieschule der Bundeswehr in Idar-Oberstein noch im Januar 2025 beginnen und etwa bis März 2025 oder April 2025 andauern.
Übereinstimmen tut dies auch mit einem im November 2024 veröffentlichten Interview zwischen hartpunkt und Ralf Ketzel, dem damaligen Geschäftsführer von KNDS Deutschland, in dem dieser angab, die erste RCH 155 im April 2025 zu liefern.
Doch auch dieser Termin – man ahnt es bereits – verstrich ohne Erklärung und ohne Angabe von Gründen.
Erst als die ukrainische Ausgabe des Mediums Deutsche Welle (DW) im August 2025 den damaligen Geschäftsführer von KNDS Deutschland auf einen im Juni 2025 von GAU veröffentlichten Artikel zu den Verzögerungen anspricht, gibt dieser weitere Verzögerungen zu und nennt als Gründe dafür unter anderem Änderungen am System aufgrund von durchgeführten Ausbildungen. Aber auch andere Punkte müsse man noch von der Liste streichen, darunter die Integration in das ukrainische Gefechtsführungssystem.

Sobald sämtliche Probleme behoben und Änderungen implementiert sind, würde man mit der Auslieferung beginnen, was in ein paar Monaten zu erwarten sei.
Doch auch hier kam es zu einer weiteren, der nun insgesamt vierten bekannten Verzögerung, da erst im Juli 2026, also fast ein Jahr nach dem DW-Ketzel-Interview, die Übergabe beziehungsweise der Einsatz der ersten RCH 155 in der Ukraine angedeutet wurde.
Nun, etwa zwei Monate nach der ersten Andeutung kann GAU den Einsatz der RCH 155 in der Ukraine endlich unabhängig bestätigen, womit ein schwieriges Kapitel hoffentlich ein positives Ende finden wird.
Laut Drummond erreichen ukrainische Nutzer mit dem Artilleriesystem zuverlässig bereits mit dem ersten abgefeuerten Geschoss Treffer auf einer Entfernung von 40 Kilometern. Während man noch auf detaillierte Erfahrungsberichte warten muss, sind das bereits hervorragende Leistungswerte, von denen insbesondere ältere sowjetische, aber auch einige relativ moderne vom Westen gelieferte Artilleriesysteme nur träumen können.
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