Vorgestern tauschte sich Mychajlo Fedorow als frisch ernannter Verteidigungsminister der Ukraine erstmals mit seinem deutschen Amtskollegen Boris Pistorius über die Bedarfe der ukrainischen Armee und Deutschlands Unterstützung aus. Das gab das ukrainische Verteidigungsministerium auf der eigenen Website bekannt.
Während das Thema „Luftverteidigung“ angesichts der laufenden russischen Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur weiterhin höchste Priorität hat und unter anderem der Ausbau der IRIS-T-Lieferungen und eine langfristige Versorgung der ukrainischen MIM-104 Patriot-Feuereinheiten mit Lenkflugkörpern diskutiert wurden, stand auch ein weiteres Thema im Fokus: die Artillerie.
So überraschte der ehemalige Minister für Digitale Transformation, der insbesondere für seinen Einfluss bei der Entwicklung ukrainischer Drohnentechnologie und ähnlicher Projekte bekannt ist, damit, dass er die Bedeutung von Artilleriegeschossen mit erweiterten Reichweiten hervorhob und betonte, wie wichtig eine kontinuierliche Lieferung dieser Geschosse wäre.
Insbesondere Artilleriemunition mit deutlich erweiterter Reichweite hat bislang kaum ihren Weg in die Ukraine gefunden und könnte, richtig eingesetzt, zumindest lokal begrenzt einen spürbaren Unterschied machen.
Laut Fedorow soll Munition dieser Art effektive Artillerieoperationen in sogenannten „Drohnen-Todeszonen“ sicherstellen.
Einfach ausgedrückt sind dies Zonen entlang der Frontlinie, in denen sogenannte Loitering Munitions sowohl für Soldaten, als auch für deren Ausrüstung und Fahrzeuge eine enorme Gefahr darstellen und man praktisch in jeder Minute damit rechnen muss, angegriffen zu werden.
Die Vorteile von Artilleriemunition mit (deutlich) erhöhter Reichweite
Der Einsatz von Artilleriemunition mit (deutlich) erhöhter Reichweite würde in diesen Zonen eine Vielzahl von Vorteilen bieten.
So können moderne Artilleriesysteme wie die von Deutschland, den Niederlanden und Italien gelieferten PzH 2000 einige Kilometer weg von ihrem eigentlichen Standort entlang der Frontlinie zurückverlegt werden und dennoch den gleichen Bereich abdecken wie bisher. Das würde wesentlich mehr Sicherheit sowohl für das System, als auch für die Soldaten bedeuten.
Einerseits würde das unter anderem die Zeit deutlich erhöhen, die eine ukrainische Artilleriebesatzung hat, um ihr System nach dem Beschuss eines Ziels wieder in Sicherheit zu bringen. Andererseits nimmt mit gesteigerter Reichweite auch die Anzahl von Drohnen und anderen militärischen Mitteln signifikant ab, welche Russland zur Verfügung stehen, um das ukrainische Artilleriesystem unter Beschuss zu nehmen.
Was Drohnen angeht, so hat der Großteil der russischen FPV-Drohnen eine maximale Reichweite von etwa 20 bis 25 Kilometern. Wird eine ukrainische PzH 2000 nun etwa 40, 50 oder sogar 60 Kilometer hinter der Frontlinie stationiert, können diese dem Artilleriesystem praktisch nichts mehr anhaben.
Lediglich wesentlich weniger verfügbare Drohnen, wie die jüngst eingesetzten Glasfaserdrohnen mit einer Reichweite von etwa 50 Kilometern, würden weiterhin eine Gefahr darstellen.
Andererseits ermöglicht der Einsatz dieser Munition natürlich auch das Bekämpfen von Zielen im rückwärtigen Raum, welche bislang außerhalb der eigenen Reichweite waren und daher mit anderen Mitteln, etwa dem M142 HIMARS-Mehrfachraketenwerfer, bekämpft werden mussten.
Eine regelmäßige Lieferung von Artilleriemunition mit erhöhter Reichweite an verschiedene Abschnitte der Frontlinie würde daher auch die Anzahl bekämpfbarer Ziele potentiell signifikant erhöhen, was das russische Militär zusätzlich unter Druck setzen würde.
M982 Excalibur und VULCANO 155?
Doch welche Artilleriegeschosse könnte die Bundesregierung mehr oder weniger kurzfristig in vergleichsweise größeren Mengen an die Ukraine liefern?
Tatsächlich fällt die Auswahl, insbesondere was Geschosse mit signifikant erhöhter Reichweite betrifft, nicht gerade groß aus. So setzte die Ukraine bisher bereits in größeren Mengen die Geschosse M982 Excalibur und in geringen Mengen VULCANO 155 gegen die russische Armee ein.
Eine zukünftige Lieferung der M982 Excalibur-Geschosse mit einer Reichweite von bis zu etwa 50 Kilometern (je nach Kaliberlänge) dürfte allerdings ausgeschlossen sein. So ist es dem russischen Militär bereits vor längerer Zeit gelungen, die Treffsicherheit des Artilleriegeschosses durch elektronische Störmaßnahmen von 55 % auf 6 % zu reduzieren.
Ich halte es also für höchst unwahrscheinlich, dass die Bundesregierung in die Produktion von sagen wir 5.000 dieser Artilleriegeschosse einen dreistelligen Millionenbetrag investieren möchte, wenn sie weiß, dass diese beim Einsatz an der Frontlinie tatsächlich extrem ineffektiv wären und bessere Alternativen zur Verfügung stehen.
Damit wären wir bei der wahrscheinlichsten Wahl, der Artilleriegranate VULCANO 155. Bereits Anfang bis Mitte 2023 lieferte die Bundesregierung 255 dieser hochmodernen Artilleriegranaten in verschiedenen Versionen an die ukrainische Armee aus.
Damit war es ihr möglich, russische Ziele in einer Entfernung von bis zu 70 Kilometern bis auf den Meter genau zu bekämpfen, und dank des Mehrzweck-Gefechtskopfes mit insensitivem Sprengstoff und vorgeformten Wolfram-Splittern dabei auch ohne Probleme schwer zu beschädigen oder gänzlich zu zerstören.
Doch wie schnell könnte die erste Lieferung nach der Bestellung in der Ukraine eintreffen? Dies hängt von verschiedenen Faktoren ab.
Aus Industriekreisen heißt es, dass unter optimalen Voraussetzungen bereits nach etwa drei Monaten die ersten paar Hundert Artilleriegeschosse in die Ukraine geliefert werden könnten und anschließend regelmäßig weitere Munition nachgeliefert werden würde.
Voraussetzung dafür ist aber, dass die Bundesregierung eine Großbestellung in Auftrag gibt. Je umfangreicher der Auftrag und je größer die finanzielle Verpflichtung der Bundesregierung gegenüber dem Hersteller ist, desto wahrscheinlicher ist eine rasche Auslieferung.
So werden die VULCANO-Geschosse in verschiedenen Kalibern durch den gleichen Hersteller, am gleichen Standort hergestellt. Würde ein entsprechend großer Auftrag abgeschlossen werden, würde sich der Hersteller höchstwahrscheinlich dazu veranlasst fühlen, der Lieferung Priorität einzuräumen und einen Teil der Produktion für andere Kaliber „kurzfristig“ anzupassen, um so eine schnellere Lieferung zu gewährleisten.
Würde ein potentiell von der Bundesregierung geschlossener Vertrag lediglich die Lieferung von sagen wir einigen wenigen Hundert Artilleriegranaten umfassen, ist es hingegen durchaus möglich, dass die Lieferung wesentlich mehr Zeit in Anspruch nimmt.
Im Falle der ersten Lieferung an die Ukraine im Jahr 2023, dauerte es beispielsweise etwa sieben Monate vom Auftragseingang im August 2022 bis zur wahrscheinlich ersten Auslieferung der gerade einmal 255 VULCANO-Geschosse im März 2023.
In jedem Fall ist aber anzunehmen, dass eine in Kürze in Auftrag gegebene Produktion für die Ukraine noch in diesem Jahr erste Früchte tragen würde und die ukrainische Armee damit auf hochmoderne Artilleriemunition zurückgreifen könnte, welche dem, was den russischen Invasoren zur Verfügung steht, in allem überlegen wäre.
Natürlich kann man auch noch verstärkt auf die Lieferung von sogenannten „Base-Bleed-Geschossen“ setzen, um der ukrainischen Armee einen weiteren kleinen Reichweitenvorteil zu verschaffen.

Nach dem Abfeuern eines solchen Geschosses zündet am Boden der Artilleriegranate ein pyrotechnischer Satz. Die dabei entstehenden Gase verringern den Unterdruck hinter dem Geschoss, senken so den Luftwiderstand und erhöhen dadurch schlussendlich die Reichweite um mehrere Kilometer.
Allerdings gehe ich nicht davon aus, dass diese Geschosse primär im Fokus der Diskussion zwischen Fedorow und Pistorius standen.
Zusätzlich gäbe es natürlich auch noch experimentelle Munition und Prototypen wie Ramjet-Artilleriegranaten, die man der Ukraine liefern könnte. So gab unter anderem Rheinmetall-Chef Armin Papperger Mitte 2024 bekannt, dass Rheinmetall im Jahr 2024 auch Prototypen von Artilleriegranaten mit einer Reichweite von 100 Kilometern an die Ukraine liefern wollte.
Jedoch halte ich eine kontinuierliche Lieferung solcher oder ähnlicher Munition insbesondere in höheren Stückzahlen von deutscher Seite aus für eher unwahrscheinlich.
Daher gehe ich davon aus, dass, sofern die Bundesregierung dem Wunsch des ukrainischen Verteidigungsministers nachkommt, Deutschland der Ukraine in Zukunft verstärkt einen Mix aus VULCANO 155 und Base-Bleed-Artilleriemunition zur Verfügung stellt.
Gleichwohl dürfte dieser Mix auch in Zukunft nur einen kleineren Teil der durch Deutschland finanzierten Lieferungen von Artilleriemunition ausmachen.
Tschechische Munitionsinitiative
Laut ukrainischem Verteidigungsministerium wies Fedorow Pistorius auch darauf hin, dass es für die Ukraine eine hohe Priorität habe, dass Deutschland sich weiterhin an der tschechischen Munitionsinitiative beteiligt.
Diese wurde Anfang 2024 von Tschechien als Reaktion auf die enorme Munitionsknappheit in der Ukraine gestartet und war seitdem bis Ende 2025 für die Lieferung von rund vier Millionen Schuss verschiedenster Munition verantwortlich.

2024 beteiligte sich die Bundesregierung unter Leitung des damaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz noch mit 576 Millionen Euro, womit man die Lieferung von 180.000 Schuss 155mm Munition finanzierte.
Für das Folgejahr wurde, soweit bekannt ist, bis April 2025 keine erneute Zusage getätigt, und aufgrund der geänderten Kommunikationsstrategie der Bundesregierung unter der Leitung von Friedrich Merz ist es daher unklar, ob das Bundesministerium der Verteidigung sich im vergangenen Jahr erneut an der Initiative beteiligte.
Nun dürfte allerdings klar sein, dass die Ukraine zumindest für 2026 fest darauf baut, dass Deutschland als einer der größten Beitragszahler der Initiative sich auch weiterhin daran beteiligt.
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