Um insbesondere ukrainische Großstädte und kritische Infrastruktur vor russischen Angriffen mit ballistischen Raketen zu schützen, setzt die ukrainische Armee fast ausschließlich auf das in den USA entwickelte MIM-104 Patriot-Luftverteidigungssystem.
Es gibt zwar noch das französisch-italienische SAMP/T, doch dieses wird vom amerikanischen MIM-104 Patriot in seiner Leistungsfähigkeit übertroffen, während gleichzeitig bislang nur sehr wenige SAMP/T-Feuereinheiten an die ukrainischen Streitkräfte ausgeliefert wurden, und es bei der Munitionsversorgung auch nicht wirklich besser aussieht.
Zwar hat sich die ukrainische Armee seit 2023 dank umfangreicher internationaler Spenden, primär aus Deutschland und den USA, einen ansehnlichen Bestand an Systemen aufgebaut, allerdings ist mit dem Wegfall der meisten bilateralen US-Militärhilfen im vergangenen Jahr und dem jüngst von den USA vom Zaun gebrochenen Krieg im Iran die Munitionsversorgung immer mehr zu einem echten Problemfall geworden.
Dies spiegelte sich auch kürzlich wider, als die Bundesregierung international Aufmerksamkeit erregte, weil sie mit einer Initiative, welche die Lieferung von gerade einmal 35 PAC-3-Lenkflugkörpern an die Ukraine vorsah, zumindest in Teilen scheiterte und nach wochenlangen Verhandlungen mit europäischen Partnern nicht alle gewünschten Spenden auftreiben konnte.
Für die Ukraine scheint klar zu sein, dass sich etwas drastisch ändern muss. Man ist viel zu sehr vom guten Willen der US-Regierung und von Finanzspritzen abhängig, die größtenteils von europäischen Partnern bereitgestellt werden.

Um das zu ändern, plant das ukrainische Rüstungsunternehmen Fire Point bereits im kommenden Jahr ein „eigenes“ Luftverteidigungssystem mit antiballistischen Fähigkeiten vorzustellen, dessen Lenkflugkörper mit einem Stückpreis von unter 1 Million US-Dollar deutlich günstiger wären als jene, welche durch das amerikanische MIM-104 Patriot verschossen werden.
Es ist ein hochkomplexes Unterfangen mit einer sehr optimistischen Zielvorgabe von einem Unternehmen, das bereits in der Vergangenheit öffentlich große Versprechungen gemacht hat, die man das ein oder andere Mal nicht einhalten konnte.
Sollte es hingegen gelingen, wird es wohl ab 2028 die ukrainische Luftverteidigung im Bereich der Abwehr von ballistischen Gefahren grundlegend verändern.
Laut einem vor wenigen Tagen veröffentlichten Reuters-Interview mit Fire Point-Mitbegründer Denys Shtilierman, möchte man mit europäischen Firmen insbesondere im Bereich der Radar-, Zielsuch- und Kommunikationssysteme zusammenarbeiten, um die Patriot-Alternative zu entwickeln.
Während zwar bislang keine Namen öffentlich genannt wurden, steht inzwischen mehr oder weniger offiziell fest, dass das ein oder andere deutsche Rüstungsunternehmen an dem massiven Projekt beteiligt sein wird.
So veröffentlichte die Bundesregierung gestern eine umfangreiche Erklärung über eine strategische Partnerschaft zwischen Deutschland und der Ukraine und wies unter dem Punkt „Partnerschaft für ein sichereres Europa“ darauf hin, dass man insbesondere den Ausbau der Abwehr ballistischer Flugkörper (in der Ukraine) beschleunigen wolle.

Ein kurzer Satz mit großer Wirkung. Zwar kann sich diese Aussage theoretisch auch „nur“ darauf beziehen, dass man weiter und schneller Munition für die ukrainischen MIM-104 Patriot-Feuereinheiten liefern wolle – tatsächlich wurde gestern die Lieferung von mehreren hundert PAC-2 GEM-T-Lenkflugkörpern angekündigt –, wirklich wahrscheinlich scheint dies aber nicht zu sein.
Schließlich handelt es sich beispielsweise bei Diehl Defence und HENSOLDT um zwei deutsche Rüstungsunternehmen, welche einerseits tief in die ukrainischen Verteidigungsbemühungen eingebunden sind und andererseits in ihren jeweiligen Domänen der »Luftverteidigungssysteme« und »Radartechnik« weltweit zu den führenden Herstellern zählen.
So überrascht es nicht, dass Diehl Defence und Fire Point am Rande der gestrigen Regierungskonsultationen eine Vereinbarung über die technische Zusammenarbeit beider Unternehmen unterzeichnet haben.
Das gab Ihor Fedirko, Geschäftsführer des Ukrainischen Rates der Verteidigungsindustrie, gestern in einem Facebook-Post bekannt.
Woraus diese „technische Zusammenarbeit“ bestehen soll, ist nicht klar, allerdings ist es sehr wahrscheinlich, dass es um eben jenes Luftverteidigungssystem gehen wird, dessen Entwicklung Fire Point erst vor wenigen Tagen öffentlich gemacht hatte.
Für einen offiziellen Kommentar war Diehl Defence bis zur Veröffentlichung dieses Artikels leider nicht zu erreichen.
Diehl Defence als Partner
Man könnte sich wohl kaum einen besseren Partner an Land ziehen. Das von Diehl Defence vermarktete IRIS-T SLM ist in seiner Klasse wohl das effektivste und modernste Luftverteidigungssystem in Beständen der ukrainischen Streitkräfte und wird dort hochgeschätzt.

Gleichzeitig arbeitet das in Überlingen ansässige Rüstungsunternehmen bereits länger an eigenen Weiterentwicklungen (SLX und HYDEF), welche ebenfalls große Schritte in Richtung effektive Abwehr von ballistischen Gefahren darstellen beziehungsweise genau dafür konzipiert sind.
An einer Zusammenarbeit mit Fire Point dürfte also nicht nur die Ukraine, sondern auch Diehl Defence profitieren, sofern man die „Lessons Learned“ in die zukünftige Entwicklung der eigenen Systeme einfließen lässt.
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