Seit offiziellem Beginn der Ausbildungslehrgänge im April 2025 oder Mai 2025 haben die Bundeswehr und KNDS Deutschland zusammen bereits mehr als 600 ukrainische Soldaten an der Radhaubitze RCH 155 ausgebildet.
Das gab die Bundeswehr am 10. März 2026 auf ihrer Website bekannt, nachdem Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius die Artillerieschule in Idar-Oberstein besucht hatte.
Auf Nachfrage bestätigte mir ein Sprecher des Verteidigungsministeriums noch einmal die genannte Anzahl an ausgebildeten Soldaten, verzichtete aber aus Gründen der »militärischen und operationellen Sicherheit« darauf, auf weitere Details einzugehen.
Dabei ist die hohe Anzahl an ukrainischen Soldaten, welche bereits an der Radhaubitze ausgebildet wurden, aus verschiedensten Gründen äußerst interessant und lässt Schlüsse auf einen bislang nicht bestätigten Einsatz in der Ukraine zu.
Ein Blick auf die Ausbildung
Die mehrwöchige Ausbildung, welche unter anderem auf dem Truppenübungsplatz Baumholder, aber auch bei KNDS Deutschland in Kassel durchgeführt wird, ist in mehrere Phasen unterteilt.
In der ersten Ausbildungsphase durchlaufen die ukrainischen Soldaten ein knapp bemessenes Fahrtraining am GTK Boxer, welcher in einer minimal veränderten Version die Basis der RCH 155 stellt, und bekommen zusätzliche technische Grundlagen vermittelt, welche unter anderem einen gewissen Grad an Wartung ermöglichen.
Dass einfach ausgedrückt zunächst das Fahren beziehungsweise Führen des Fahrzeuges geübt wird, ist bei allen Ausbildungen der Bundeswehr an Fahrzeugen üblich.
Beim Fahrtraining üben die Ukrainer und Ukrainerinnen unter anderem Slalomfahrten durch unwegsames Gelände, Rückwärtsmanöver mit eingeschränkter Sicht und Fahrten mit extremen Steigungen. Alles möglichst realitätsnah, damit die Soldaten auf sämtliche Szenarien in der Ukraine vorbereitet sind.
Erst danach wird mit der mehrwöchigen Ausbildung am Artilleriesystem selbst begonnen. Diese dürfte wohl der Ausbildung an der PzH 2000 ähneln. Das bedeutet stark vereinfacht ausgedrückt das Zielen, Laden und Feuern am Simulator, sowie im Gelände. Auch hier dürfte die Wartung des Artilleriesystems zumindest einen kleinen Teil dieses Ausbildungsabschnittes ausmachen.
Diesen langen und sowohl für die Ausbilder als auch für die Auszubildenden sehr intensiven Prozess haben wohl inzwischen mehr als 600 ukrainische Soldaten ganz oder zumindest in Teilen durchlaufen. Eine Anzahl, die mich zunächst sehr stutzig gemacht hat.
Immerhin bedeutet das, dass Industrie und Bundeswehr offiziell seit Ende April 2025 beziehungsweise Anfang Mai 2025 in rund 10 Monaten über 100 ukrainische Soldaten mehr nur an der RCH 155 ausgebildet haben als zuvor am selben Standort zwischen Mai 2022 und September 2024 in etwa 28 Monaten an PzH 2000 und MARS II zusammen. Und das wohlgemerkt, trotz der bekannten technischen Probleme am Artilleriesystem selbst.
Auch angesichts dessen habe ich die Zahl »600« zunächst öffentlich mehr als nur angezweifelt, allerdings mache auch ich Fehler und möchte diesen hiermit ebenfalls öffentlich eingestehen.
Selbstverständlich habe ich beim Bundesministerium der Verteidigung noch am selben Tag nachgefragt, wo man mir die Anzahl an ausgebildeten Soldaten nochmals bestätigte: »Die Aussagen in dem von uns veröffentlichten Beitrag sind korrekt«, so ein Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Wie es möglich war, in dieser kurzen Zeitspanne eine so vergleichsweise enorme Anzahl an Soldaten zu trainieren, bleibt aber leider zumindest auf absehbare Zeit ein gut gehütetes Geheimnis.
RCH 155 bereits in der Ukraine im Einsatz?
Doch damit stellt sich mir eine wichtige Frage. Warum wurde diese sehr hohe Anzahl an Soldaten an der Radhaubitze ausgebildet?
Immerhin befindet sich zumindest offiziell kein einziges der hochmodernen Artilleriesysteme in der Ukraine im Einsatz.
Vorher öffentlich angekündigte Lieferungen haben sich aus verschiedensten Gründen wiederholt nach hinten verschoben und zusätzlich haben weder russische, noch ukrainische Einheiten Bild- oder Videomaterial veröffentlicht, welches mir bekannt wäre und das den Einsatz einer RCH 155 in der Ukraine zeigt.
Dabei hätten die ersten Radhaubitzen schon vor längerer Zeit in der Ukraine zum Einsatz kommen sollen. In einem Ende 2023 veröffentlichten SPIEGEL-Interview gab Axel Scheibel, heutiger CTO von KNDS Deutschland, bekannt, dass die ersten Exemplare Ende 2024 an die Ukraine übergeben werden.
Ende 2024 gab der damalige CEO von KNDS Deutschland, Ralf Ketzel, dann in einem Interview mit hartpunkt bekannt, dass die ersten Systeme im April 2025 ausgeliefert werden.
Zumindest formal wurde dann tatsächlich die erste in Kassel für die Ukraine neu produzierte RCH 155 im Januar 2025 im Beisein von Verteidigungsminister Boris Pistorius und Botschafter Oleksii Makeiev übergeben.

Während der zeremoniellen Übergabe bestätigte Ketzel noch einmal, dass man davon ausgehe, die Ausbildung am Artilleriesystem im April desselben Jahres abschließen zu können und anschließend eine Lieferung in die Ukraine zu veranlassen.
Doch offiziell begann die Ausbildung, wie bereits zuvor erwähnt, erst wenige Monate später, Ende April 2025 oder Anfang Mai 2025. Seitdem herrschte lange striktes Schweigen.
Im Juni 2025 veröffentlichte ich dann einen Artikel, der die Verzögerungen bei der Indienststellung der RCH 155 behandelte. Dieser wurde ein paar Monate später im August 2025 aufgegriffen, als die ukrainische Ausgabe der Deutschen Welle in einem Interview mit Ketzel diesen auf meine Berichterstattung ansprach.
Laut Ketzel wurde die erste Radhaubitze nach der Übergabe im Januar zunächst ausgiebig getestet und bewertet und Ausbildungen am System führten zu mehreren Änderungen. Stand August 2025, also sieben Monate nach der Übergabe der ersten RCH 155, arbeitete KNDS Deutschland weiterhin an diversen Problemen, während eine Integrierung der Radhaubitze in das ukrainische Gefechtsführungssystem ebenfalls ausstand.
Damals ging er davon aus, dass nach Abschluss der Arbeiten in den folgenden Monaten zumindest einige Systeme ausgeliefert werden können.
Laut Auskunft des deutschen Verteidigungsministeriums war es ursprünglich geplant, die Lieferung von sechs Stück im Jahr 2025 durchzuführen, während die restlichen 48 Radhaubitzen, welche seit 2022 in mehreren Tranchen für insgesamt 890 Millionen Euro in Auftrag gegeben wurden, bis Ende 2028 ihren Weg in die Ukraine finden sollen.

Doch was zwischen August 2025 und März 2026 passierte, ob sämtliche Probleme behoben und inzwischen Lieferungen an die Ukraine durchgeführt wurden, ist weiterhin unbekannt.
Basierend auf der hohen Anzahl an ausgebildeten Soldaten finde ich es allerdings inzwischen etwas schwer zu glauben, dass die Radhaubitze zu keinem Zeitpunkt an der Front eingesetzt wurde oder sich zumindest zum aktuellen Zeitpunkt dort nicht im Einsatz befindet. Einen Beweis dafür gibt es dennoch nicht.



