Selbst nach mehr als vier Jahren ununterbrochener militärischer Aggression gegen die Ukraine setzt Russland abseits der Frontlinie weiterhin jede Woche Hunderte Drohnen ein, um vorwiegend zivile Ziele wie die ukrainische Energieinfrastruktur zu zerstören.
Die Ukraine wiederum setzt seit einiger Zeit zunehmend auf sogenannte Abfangdrohnen, um diesen Bedrohungen Herr zu werden. Die Vorteile dieses Ansatzes liegen auf der Hand.
Solche Drohnen sind sehr einfach herzustellen und kosten in der Produktion meist nur wenige Tausend Euro, was bei einer bestätigten Abfangquote von mindestens 68 % (Stand Oktober 2025) im Vergleich zu elektronischen Störmaßnahmen, den mobilen Einsatzgruppen, kanonenbasierten Luftverteidigungssystemen und anderen eingesetzten Methoden zur Bekämpfung dieser Ziele eine enorm hohe Kosteneffizienz garantiert.
Einer umfangreichen Datensatzanalyse des internationalen Investigativkollektives Tochnyi* zufolge wurden zwischen April 2024 und März 2025 noch mehr als 95 % aller Abfangdrohnen gegen russische Aufklärungsdrohnen eingesetzt. Einer neueren Analyse zufolge liegt diese Zahl inzwischen bei gerade einmal rund 60 %, während die restlichen etwa 40 % gegen russische Loitering Munitions eingesetzt werden. Und dieser Trend hält an.
Um den steigenden Bedarf der eigenen Armee zu decken, setzt die Ukraine auch auf ausländische Finanzierungen, unter anderem aus Deutschland, Großbritannien oder auch aus Kanada.
Wie die deutsche Botschaft in der Ukraine gestern auf ihrem X-Profil (früher bekannt als Twitter) mitteilte, wird Deutschland der ukrainischen Nationalgarde insgesamt 15.000 Abfangdrohnen des Typs WIY STRILA finanzieren.
Dabei handelt es sich um eine Abfangdrohne des ukrainischen Unternehmens „WIY Drones“, welche speziell für das Abfangen von schnellen und höchst manövrierfähigen Luftzielen ausgelegt ist. Auch angesichts dessen zählt sie mit einer maximalen Geschwindigkeit von 350 Kilometern pro Stunde zu den schnellsten erwerblichen Abfangdrohnen weltweit.
Ein 700 Gramm schwerer Gefechtskopf, das Duale-Kameramodul und Schutzmaßnahmen gegen elektronische Störmaßnahmen sollen dabei für das effektive Abfangen der täglich eingesetzten Shahed-136/131-Drohnen und anderer Gefahren sorgen.
Tatkräftig unterstützt wird WIY Drones dabei vom deutschen Drohnenhersteller Quantum Systems, welcher eigenen Angaben zufolge zuvor in das ukrainische Unternehmen investiert hatte.
Durch diese Investition und den nun erteilten Auftrag im Gegenwert mehrerer Millionen Euro wird zunächst die Produktionskapazität in der Ukraine erhöht, um dem dringenden Bedarf gerecht zu werden. Noch Anfang des Monats lag diese laut einem Interview mit Oboronka bei 100 Abfangdrohnen pro Tag.

Später sei es laut Quantum Systems auch möglich, einen eventuell vorhandenen Produktionsüberschuss an Abnehmer außerhalb der Ukraine zu exportieren.
Erst kürzlich sprach der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj davon, dass die Ukraine aktuell in der Lage sei, etwa 2.000 effektive und kampferprobte Abfangdrohnen pro Tag zu produzieren und man diese Zahl durch zusätzliche Investitionen sogar noch erhöhen könnte. Abzüglich des eigenen Bedarfes könne man mindestens 1.000 Stück an Verbündete liefern.
Ganz so unwahrscheinlich ist ein möglicher Export daher nicht. Am Ende kommt es im Großen und Ganzen wohl nur darauf an, wie sich die WIY STRILA-Abfangdrohnen weiterentwickeln und im täglichen Einsatz performen.
Laut dem X-Post der deutschen Botschaft in der Ukraine umfasst der Auftrag auch die Ausbildung am System, logistische Unterstützung und die Weiterentwicklung der WIY STRILA und dürfte aufgrund der bereits bekannten Produktionskapazität noch bis Ende des Jahres abgeschlossen sein.
Crème de la Crème wird außer Acht gelassen
Ob die Bundesregierung auch ohne die Beteiligung von Quantum Systems eine Abfangdrohne des ukrainischen Unternehmens WIY Drones ausgewählt hätte, ist unklar, doch sehr wahrscheinlich scheint dies nicht zu sein.
Schließlich ist die WIY STRILA bis Januar 2026 in gerade einmal etwas mehr als zehn Missionen gegen Shahed-Drohnen eingesetzt worden. Laut dem ukrainischen Hersteller hat das damit zu tun, dass man bislang nur sehr begrenzt an die ukrainische Armee geliefert und erstmals Mitte Februar 2026 eine größere Lieferung von mehreren Hundert Einheiten durchgeführt habe.
Umso erstaunlicher ist es, dass die Crème de la Crème der ukrainischen Abfangdrohnen öffentlich bekannten Informationen zufolge bislang keine staatliche Finanzierung aus Deutschland erhalten hat. Schließlich haben sich diese Systeme bereits vor langer Zeit mehr als nur bewährt und erzielen die größten Erfolge.
Dazu zählen unter anderem die BULLET-Abfangdrohnen des Unternehmens General Cherry, mit denen Unternehmensangaben zufolge bereits mehrere hundert Shaheds abgefangen wurden, aber auch die STING-Drohne der Wild Hornets.
Viele Experten betrachten sie derzeit als eine der besten, wenn nicht sogar als die beste Abfangdrohne für den Einsatz gegen russische Shaheds. Laut Wild Hornets wurden allein in den ersten sieben Monaten des Fronteinsatzes mehr als 3.000 feindliche Drohnen abgefangen, während die Erfolgsquoten im Durchschnitt bei 80 % bis 90 % liegen.
Umso wahrscheinlicher ist es, dass bei der Auswahl der Drohne auch andere Motive und Hintergründe wie die Investition von Quantum Systems in WIY Drones eine entscheidende Rolle gespielt haben.
Wahrscheinlich nicht die erste deutsche Finanzierung für ukrainische Abfangdrohnen
Die Entscheidung, Abfangdrohnen vom Typ WIY STRILA für die ukrainische Nationalgarde zu finanzieren, folgt auf die Ankündigung des Bundeskanzlers Friedrich Merz und des Verteidigungsministeriums vom Mai 2025, dass Deutschland ab sofort auch Mittel für die ukrainische Rüstungsindustrie bereitstellen werde.
Dieser Schritt wurde zuvor bereits unter der Scholz-Regierung monatelang vorbereitet. Damals stand zwar die Produktion von weitreichenden Waffensystemen im Fokus, allerdings bestätigte das ukrainische Präsidialamt bereits im Juni 2025 öffentlich, dass Deutschland bereit sei, ukrainische Abfangdrohnen zu finanzieren.
Zusätzlich berichtete die WELT mehrfach teils zuvor, dass Deutschland unter anderem VB140 Flamingo-Abfangdrohnen des ukrainischen Unternehmens Vin Bees Innovations finanzieren werde.

Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich bei der Finanzierung der 15.000 WIY STRILA-Drohnen nicht um die erste Finanzierung ukrainischer Abfangdrohnen durch Deutschland handelt, auch wenn der oben genannte Vertrag nie offiziell bestätigt wurde.
Und wenn man den aktuell steigenden Bedarf in Betracht zieht, wird es höchstwahrscheinlich auch nicht die letzte Finanzierung von Abfangdrohnen für die Ukraine durch die Bundesregierung sein.
Transparenzhinweis
Nebenbei arbeite ich seit einigen Jahren als festes Mitglied im internationalen Investigativkollektiv „Tochnyi“ mit. Zu meinen Aufgaben gehören die Mithilfe bei der Betreuung der Website und die Unterstützung bei den wöchentlichen Podcasts als „Experte“ für Deutschland-bezogene Themen. An der erwähnten Datenanalyse war ich nicht beteiligt.



